Psychiatrie im Aufbruch: Was wird aus den Visionen der Sozialpsychiatrie?
Prof. Dr. Asmus Finzen, Psychiatrische Universitätsklinik Basel
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich werde hier heute nicht
direkt auf den Lokalkonflikt eingehen, obwohl jedesmal wenn ich die
Hannoversche Allgemeine Zeitung kaufe,
er darin vorkommt. Aber ich will das nicht aus der Perspektive von Wunstorf
1975 bis 1987 tun, sondern ich will versuchen, als Fossil der
sozialpsychiatrischen Bewegung sowohl zurück als auch in die Zukunft bliken.
Wenn von Aufbruch und von
Visionen die Rede ist, gibt es diese niemals ohne eine historische Grundlage.
Es gibt keine Zukunft ohne das Bewußtsein der Vergangenheit. Und ich fange
nicht bei den alten Römern an, aber doch ziemlich früh.
In den 40er Jahren des
vergangenen Jahrhunderts hat es eine Kontroverse gegeben, die die Psychiatrie
auch heute wieder bewegt und auf die immer wieder Kurs genommen wird. Johann
Heinrich Roller, Gründungsdirektor der Badischen Anstalt Illenau, der ersten
Heil- und Pflegeanstalt hat in den 40er Jahren einen Streit vom Zaun gebrochen
mit Wilhelm Griesinger; der wurde später Direktor der Charite in Berlin. Und
der Punkt des Streites ist der gewesen, daß es darum ging, ob psychiatrische
Anstalten in frischer Luft und freundlicher Umgebung auf dem Lande ihren Sitz
haben sollten oder in zwar beengten städtischen Gemeinden aber doch in der
Nähe des Ortes, wo sich das Leben - damals noch nicht einmal der meisten
Menschen abspielte - aber doch in der Nähe der allgemeinen Medizin und in der
Nähe des Lebensmittelpunktes eines großen Teils, der Patienten.
Der Streit ging damals
zugunsten von Johann Heinrich Roller aus, Griesinger ging später aus der
Region, er ist in Tübingen und Zürich tätig gewesen, nach Berlin. Damit war
diese Phase des Streits zunächst zu Ende. Das war historisch deswegen von
großer Bedeutung, weil es damals um die Frage ging, und das wird heute übersehen,
ob Psychiatrie zur Medizin gehört, diese Auffassung hat Griesinger vertreten,
oder ob die Psychiatrie ein Teil eines pädagogisch sozialfürsorgerischen
Unternehmen ist.
Der Streit um die Institutionen
und der Streit um die Macht ist damals zugunsten der Anstalt und zugunsten von
Roller und seinen Schülern ausgegangen. Der Streit um die Frage, ob die Psychiatrie
zur Medizin gehört ist zumindest an der Oberfläche ausgegangen zugunsten des
späteren Universitätspsychiatrie, die eine Gehirnpsychiatrie gewesen ist. Erst
sehr spät ist entdeckt worden, daß Griesinger einer der großen Sozialpsychiater
auch schon der damaligen Zeit gewesen ist.
Wie die Dinge so spielen hat
sich dieser Streit 60 Jahre später wiederholt. 1900 schrieb Max Fischer, der
Gründungsdirektor von Wiesloch, einen Aufsatz in der Allgemeinen Zeitung für
Psychiatrie über die Frage des Stadtasyls. Er wendete sich, wie zu erwarten
ist, heftig dagegen; die Anstalt sollte Außenstellen errichten, sollte
Außenfürsorge betreiben. Max Fischer ist übrigens einer der ganz großen
Protagonisten der Sozialpsychiatrie. Er hat damals sehr sehr moderne
Vorstellungen zur Sozialpsychiatrie einschließlich aufsuchender Hilfe und
einer Pflegeversicherung für psychisch Kranke in die Diskussion geworfen.
Aber Max Fischer war ein heftiger Gegner des Stadtasyls.
Sein Kontrahent ist Emil
Kraepelin gewesen und der Grund ist diesmal kein Schulenstreit gewesen, sondern
die Nachbarschaft zwischen Wiesloch und Heidelberg. Kraepelin saß in Heidelberg
und wollte eine neue Klinik haben, und das Land Baden wollte unter der Leitung
von Max Fischer eine neue Heil- und Pflegeanstalt in Wiesloch bauen.
Dieser Streit ging zugunsten
von Max Fischer aus. Wiesloch wurde gebaut, wurde die größte Anstalt in
Baden-Württemberg und Kraeplin zog wutschnaubend von dannen nach München und
gründete das Kaiser Wilhelm-Institut für Psychiatrie und einiges andere mehr.
Soweit der Ausflug in die Psychiatriegeschichte.
Unter diesen historischen
Vorzeichen ist es möglicherweise nichts als eine Wiederholung von historischen
Gezeitenwechseln, gleichsam der Pendelschlag in die unterschiedlichen Richtungen,
daß zu einer Zeit die Anstalten, die Einrichtungen der Geborgenheit in
frischer Luft und Sonne und ländlicher Umgebung im Vordergrund stehen und zu
anderen Zeiten die Integration der Psychiatrie in die Gemeinde, in die allgemeine
Medizin. Also doch ein Rekurs auf
die Situation hier in Hannover?
Es ist etwas, was dem Wellenschlag der Gezeiten ausgesetzt wird, und unter dem
Aspekt denke ich, sollte man das auch betrachten.
Nun, es ist nicht mehr 1900.
Die Zeit der kustudialen Psychiatrie ist vorbei. Wir treten gerade ins 6.
Jahrzehnt der Psychiatriereform ein. In den 40er Jahren in England hat sie
unmittelbar nach dem Krieg ihren Anfang genommen. Und das Kennzeichen, das
zentrale Kennzeichen der Psychiatriereform erst in England, dann in den
Vereinigten Staaten und später in Deutschland, Frankreich, Italien und in
anderen Ländern ist das der Zentrierung in die Gemeinde gewesen. Das was in der
Enquete seit Anfang der 70er Jahre gedacht und dann später auch in weiten Strecken
umgesetzt worden ist, nämlich drastische Verkleinerung der Anstalten,
Dezentralisierung der Anstalten, Förderung von psychiatrischen Abteilungen an
Allgemeinkrankenhäusern, Schaffung von gemeindenahen teilstationären
ambulanten Diensten ist etwas, was international sich ganz selbstverständlich
und überall in der westlichen Welt durchgesetzt hat. Mehr oder weniger
ausgeprägt, mehr oder weniger gelungen. Mißlungen ganz ohne Zweifel in den
Vereinigten Staaten, wo man die Deinstitutionalisierung dazu verwendet hat,
die Anstalt zu schließen, die Patienten auf die Straße zu setzen und die
Obdachlosenasyle und die Gefängnisse zu füllen. Teilweise gelungen in Italien,
wo in manchen Regionen hervorragende psychiatrische Dienst sich entwickelt
haben. Aber in anderen Regionen - besonders in Süd-Italien - eine ähnliche
Folgewirkung der Deinstitutionalisierung eingesetzt hat, wie in den Vereinigten
Staaten. Und mit Konsequenz zum Ende betrieben - in England - trotz fehlender
Mittel muß man sagen, England ist in den letzten Jahrzehnten kein reiches Land
gewesen. Eine konsequente Schließung der psychiatrischen Anstalten zugunsten
von kleinen Einheiten in der Gemeinde an Krankenhäusern usw. vorangetrieben
worden ist und inzwischen weitgehend abgeschlossen worden ist. Dies setzt
einen politischen Willen voraus, daß an erster Stelle. Es setzt nicht voraus,
daß man in Geld schwimmt. Und es setzt voraus, daß die Bevölkerung, die
Kommunen, das soziale Netz das Ganze mitträgt. Herr Rössler, der in Mannheim
tätig war, jetzt in Zürich tätig ist, hat vor einiger Zeit für die
"Psychiatrische Praxis" geschrieben, gemeindenahe Psychiatrie
braucht eine Gemeinde die sich sorgt. Und da ist der Schlüsselpunkt und man
wird die Gemeinde, die sich sorgt nicht von vornherein und nicht von allein
betreiben, man kann das große Projekt der gemeindenahen Psychiatrie auf
vielfältige Weise unterlaufen. Man kann es auch auf vielfältige Weise zum
Scheitern bringen. Und zwar können das die Menschen in der Gemeinde, können
das die Engagierten und Interessierten in der Anstalt, in der Klinik und in
der Gemeinde auf gleiche Weise, die einen möglicherweise, weil sie nicht
wollen, die anderen, weil sie glauben, daß mehr möglich ist als psychische
Krankheit und psychisch Behinderte zulassen, als man guterdings oder
schlechterdings erreichen kann.
Entscheidend damals in der
Gemeindepsychiatrie ist gewesen, daß man versucht hat zu erreichen, die
Integration in die Gemeinde, in die Medizin, daß man versuchte, die Anstalten
zu verkleinern oder ganz aufzulösen. Und das man der psychiatrischen Abteilung
den Vorrang gegenüber der Anstalt gegeben hat. Das man versucht hat, extramurale
Vielfalt auf den Weg zu bringen.
Damals in der
Psychiatrie-Enquete-Zeit - ich bin damals dabei gewesen - haben viele nicht
gewußt, was wir heute wissen. Die Vorstellungen, die wir hatten, haben sich auf
ausländische Erfahrungen begrenzt - in vielfacher Hinsicht haben wir Utopien
und Hoffnungen gehabt, von denen uns damals aber nicht so klar war, was wir
denn wirklich erreichen konnten.
Ich denke auch, daß der
Beschluß der DGSP 1979 in Freiburg mit Gewalt die Auflösung der Psychiatrischen
Krankenhäuser übers Knie zu brechen, ein falscher Entschluß gewesen ist, ein
politisch falscher Entschluß gewesen ist, der die alte Dichotomie zwischen
Roller und Griesinger sozusagen wieder aufbrechen, sie wieder verschärft hat
und die dazu geführt hat, daß die DGSP auf der politischen Ebene viel von der
Macht verloren hat und von dem Einfluß verloren hat, die sie vorher hatte.
Ich bin immer ein Befürworter
der allmählichen Entwicklung gewesen, aber ich habe nie einen Zweifel
gelassen, daß in einer Phase, die über Jahrzehnte andauert, das psychiatrische
Großkrankenhaus in eine Reihe, in einer Vielfalt von alternativen
Einrichtungen aufzulösen ist. Dazu gehört die Klinik, die psychiatrische
Abteilung am Allgemeinkrankenhaus vorrangig. Aber, ich berufe mich auf meinen
Freund Christian Müller, der gesagt hat, daß wir heute, nachdem wir vielmehr
wissen als am Anfang der Psychiatriereform, wohl darüber streiten können, ob
man eine Klinik, eine selbständige Klinik mit 100 oder 200 Betten bevorzugt,
oder eine Abteilung am Allgemeinkrankenhaus. Für eine Übergangszeit müßte es
auch größere Einrichtungen geben.
Aber über psychiatrische
Großkrankenhäuser, die mehr als 500 Betten haben, sei heute, das hat er 1981
geschrieben, überhaupt nicht mehr zu diskutieren. Und wenn es Einrichtungen mit
600, 800 und mehr Betten gäbe, müßten wir uns als Psychiater an die Brust
schlagen und uns fragen, wie es zur Ausbildung solcher Monstren gekommen sei.
Christian Müller - ist
Schweizer, ist ein sanfter Mensch, kompromißbereit - hat von Monstren
geredet. Christian Müller hat auch gesagt, was die Mühlichs in ihrer Untersuchung
"ein Bett ist keine Wohnung" festgestellt haben, das psychiatrische
Krankenhaus ist kein Ort zum Wohnen. Das psychiatrische Krankenhaus ist für
Akutkranke da und für chronisch Erkrankte, die zwischenzeitlich Lebenskrisen
oder Krankheitskrisen haben. Aber es ist kein Ort, auf dem man auf lange Zeit
leben sollte.
Das schreckliche Wort
Enthospitalisierung steht im Raum. Ich würde vorschlagen, daß man von der
Wiederbeheimatung der chronisch Kranken, der chronisch Behinderten spricht.
Denn die sind ja nicht immer hospitalisiert gewesen. Die sind einmal Zuhause
gewesen irgendwo und das psychiatrische Krankenhaus ist kein gutes alternatives
Zuhause. Es geht um die Beheimatung, es geht um die Wiederbeheimatung in der Gemeinschaft
der Gesunden.
Nun, das widerspricht
verschiedenen gesellschaftlichen Tendenzen. Wir leben in einer Gesellschaft,
die eine Tendenz hat zur Segmentierung. Die Alten haben ihren Platz, die Jungen
haben ihren Platz, die Kranken, die Behinderten, die Pflegebedürftigen. Es besteht
eine Tendenz zur Desintegration, zur Reinstitutionalisierung von
anstaltsähnlichen Bereichen in vielen Lebensbereichen. Und wer nicht in
irgendeinen Bereich paßt, läuft Gefahr, nirgendwo hinzugehören, ausgegrenzt
zu werden. In Obdachlosigkeit abzudriften. Das paßt auch zur Segmentierung
dieser Gesellschaft in der wir leben, für die alle möglichen klugen Leute auch
alle möglichen Begriffe gefunden haben.
Umberto Eco, den Sie alle
kennen als Autor des Romanes "Im Namen der Rose", der eigentlich
Sprachwissenschaftler ist und ein bekannter italienischer Essayist, hat in einem
Aufsatz vor etwa 20 Jahren von der Mediävalisierung unserer Städte gesprochen.
Also von einer Rückkehr zum Mittelalter in unseren Gemeinden, in unseren
Städten. Und was er damit gemeint hat, ist, daß diejenigen, denen es gut geht
in der Gesellschaft, die nicht ausgegrenzt werden und auch nicht in Gefahr
laufen, in Institutionen oder gar in Obdachlosigkeit leben müssen, zunehmend
in eine Situation kommen, in der sie meinen, sich vor den Verbrechern, vor den
Bettlern und den Obdachlosen, vor den Verrückten schützen zu müssen. Also um
ihre besseren Wohnbezirke - wie das in den Vereinigten Staaten schon sehr
ausgeprägt ist - Mauern bauen zu lassen und das ganze von Wach- und Schließgesellschaften
oder von irgendwelchen anderen privaten Diensten bewachen zu lassen. Hüten wir
uns, daß diese Mediävalisierung unserer Städte sich bei uns ausbreitet. Und
allen unseren Versuchen der Integration von Behinderten, von kranken
Menschen, von alten Menschen, von Menschen, die jeweils anders sind als wir,
von Ausländern, von vielen anderen, daß das umsichgreift. Und das wir zu einer
Segregation, zu einer segregierten Gesellschaft kommen.
Diese Forderung die mir wohl
bewußt ist, ist eine Wertforderung, ist eine Forderung an unsere Bewertung des
Lebens in der Gesellschaft letzten Endes an unserer Moral. Man kann durchaus
auch andere Standpunkte vertreten, man kann anderer Meinung sein, man kann
vielfältige Überlegungen dazu anstellen, nur, wenn das so ist, dann müssen wir
uns miteinander streiten.
Meine moralischen Vorstellungen
sind so - und die werden auch so bleiben - daß einer Integration von
Behinderten, ich bleibe jetzt bei den Behinderten, bei chronisch Kranken, in
die Gemeinschaft der Gesunden der Vorzug zu geben ist und das dies ein positiver
gesellschaftlicher Wert ist, dem wir nachstreben sollten. Für den wir auch
ökonomische Mittel einsetzen sollten soviel wir sie zur Verfügung haben, auch
in Zeiten der wirtschaftlichen Enge.
Ein Problem, abgesehen von
anderen Problemen, weshalb das für manche Leute nicht von vornherein
einleuchten mag, besteht in der Ausgangssituation und die möchte ich Ihnen
zurückrufen.
Als ich 1975 die Leitung des
Niedersächsischen Landeskrankenhauses Wunstorf übernommen habe, gab es dort
1.400 Patienten. An dem Tag, an dem ich die Leitung von diesem Krankenhaus
übernommen habe, gab es auch genau 7 Ärzte für diese 1.400 Patienten. Die
haben sich an dem Tag danach verdoppelt auf 14. Das hieß, wir hatten einen Arzt
auf 100 Patienten. Im Pflegebereich war die Situation ähnlich, da gab es
immerhin einen auf fünf Patienten. Ich will das nicht durchdeklenieren oder
durchexerzieren. Aber was damals in diesem Krankenhaus herrschte - und in
anderen psychiatrischen Krankenhäusern - war eine brutale Realität. So haben
wir das in der Psychiatrieenquete genannt. Eine brutale Realität,
Lebensrealität für die Patienten, die in diesen Krankenhäusern gelebt haben.
Und wir sind damals wie viele andere auch, die sich an die Psychiatriereform
gemacht haben, ausgegangen von der Devise, die in England Ausgangssituation
der Psychiatriereform gewesen ist, Douglas Benne hat das in einem Aufsatz geschrieben:
lieber keine Psychiatrie als solche Psychiatrie. Wir müssen das ändern und
zwar um jeden Preis und es gibt nicht schlimmeres als das.
Dies hat Franco Basaglia 15
Jahre später, als er in Wunstorf 1977 gewesen ist, genauso gesagt, das sei
sein Ausgangspunkt für die Psychiatriereform in Italien gewesen, für sich und
seine Mitstreiter. Und für die Beseitigung der brutalen Realität gelten andere
Maßstäbe als für das Design, als für die Entwicklung einer optimalen psychiatrischen
Krankenbehandlung und einer optimalen therapeutischen Kultur. Die
Ausgangsposition damals Mitte der 70er Jahre war nicht die, daß wir wußten, wie
man eine moderne Psychiatrie zu entwickeln hatte, sondern wir hatten
Vorstellungen davon, wie wir die Zustände in der Anstalt humanisieren könnten
oder wie wir Leute aus der Anstalt herausbringen könnten, in der Vorstellung
alles ist besser als das.
Heute ist die Situation eine
andere. Heute wissen wir in vieler Hinsicht, wie es geht oder wie es gehen
könnte. Aber die Prinzipien der Psychiatriereform die wir damals auf den Weg
gebracht haben, die technischen Prinzipien gelten in ähnlicher Weise auch heute
noch.
Erstes Prinzip, das damals
formuliert worden ist, in allen westlichen Ländern - das Häfner und
Kulenkampff nach Deutschland übernommen haben - ist das Prinzip der Zugänglichkeit
der psychiatrischen Einrichtungen und Dienste für alle. Dazu gehört nicht nur
die Zugänglichkeit nach drinnen sondern auch das Wiederherauskommen.
Das andere: Die Integration in
die Gemeinde und in die Medizin. Damals war uns noch wichtig, die Entwicklung
von spezialisierten Bereichen für psychisch kranke alte Menschen, für geistig
Behinderte, für Kinder und Jugendliche; Dinge, die heute z.T. realisiert, zum
Teil auch übertrieben worden sind. Es ging uns um die Kontinuität der Behandlung,
die damals in keiner Weise gesichert war, oft zwischen Klinik und Nachbehandlung
und um die Gleichstellung von psychisch Kranken und körperlich Kranken. Ziele,
die teilweise erreicht worden sind, teilweise aber noch der Realisierung
harren, unverändert jetzt über 27 Jahre. Das ist etwa die Zeit, wo das
erstmalig in deutscher Sprache formuliert worden ist.
Es gibt jenseits dieser
allgemeinen Prinzipien einige Gesichtspunkte, die von der zweiten
Reformkommission für die Bundesregierung formuliert worden sind. Das sind die
Prinzipien des Anspruchs, die Patienten haben. Damals waren es organisatorische
Ansprüche in der Psychiatrieenquete, die formuliert worden sind. Später - 1988
war das - sind Prinzipien für eine bedarfsgerechte oder bedürfnisgerechte
Versorgung formuliert worden. "Pflege und Therapie" ist einer dieser
Ansprüche der Patienten. Ein "individuelles Wohnen" ist einer
dieser Ansprüche, "Arbeit und Beschäftigung" ist ein dritter und
der vierte, der wahrscheinlich am wenigsten realisiert ist, ist der Anspruch
auf die "Teilhabe am gesellschaftlichen Leben". Denken Sie an die
psychisch Behinderten die Sie kennen. Wer hat in einem Maß, in dem er sich das
vorstellen würde, am gesellschaftlichen Leben teil.
Damals, als wir mit der
Psychiatrieenquete begonnen haben, fehlte es an einer therapeutischen Kultur,
die geeignet war, in zuverlässiger Weise diese damals formulierten Prinzipien
zu realisieren. Wir waren teilweise wie mit der Stange im Nebel, wir haben
versucht, für unsere Patienten, aber auch für die Mitarbeiter und für die
Anstalt selber, das bestmögliche herauszuholen, aber wir haben in vielen
Fällen nicht gewußt wie das gegangen ist. Und täuschen wir uns nicht, wie man
optimal die Integration der psychisch Kranken und Behinderten, vor allen
Dingen der Behinderten in die Gemeinschaft der Gesunden realisiert, das wissen
auch heute noch nicht. Wir wissen inzwischen ganz genau, wie so eine Anstalt
funktioniert. Wir wissen auch, wie wir sie halbwegs human gestalten können, wie
wir möglichst Zwang vermeiden können, wie wir Therapie in der Anstalt, in der
psychiatrischen Klinik entwickeln können und vieles andere mehr. Dafür haben
wir ein Feeling entwickelt, dafür haben wir Goffmann gelesen, dafür haben wir
darüber nachgedacht, wie wir Therapie, wie wir Rehabilitation in den
Einrichtungen gestalten können. Aber wie das in der Gemeinde funktionieren
kann, in welcher Weise wir optimal erreichen, daß Menschen aufgenommen werden,
das wissen wir nur begrenzt. Wir wissen aus einzelnen Untersuchungen, wie z.B.
von Angermeyer hier in Hannover auch schon in den 80er Jahren, daß es nicht
genügt, Patienten in ein Übergangsheim für Behinderte zu entlassen und dann die
Vorstellung zu haben, sie würden in die Gemeinde, das war da die List, die
doch relativ aufgeschlossen ist, auch integriert. Sondern es zeigte sich, daß
die meisten Menschen die da lebten, Kontakte zu ihren Angehörigen hatten, aber
zu sonst niemandem.
So kann das nicht gemeint sein,
aber wenn es auf Anhieb nicht funktioniert und das ganze geht erst über zwei
Jahrzehnte, sollten wir nicht von vornherein sagen, daß kann nicht
funktionieren sondern wir sollten uns an die Nase fassen und uns fragen, was
wir falsch machen. Was unzureichend ist, was wir besser machen können. Konzepte
entwickeln, die den Bedürfnissen und den Fähigkeiten der Behinderten
entsprechen. Und das bedeutet, daß wir nicht nur uns fragen müssen, sondern
auch die Behinderten selber. Und zwar lohnt es da, doch einen historischen
Rückblick zu machen.
Als wir angefangen haben mit
der Psychiatriereform, haben wir uns, wir Experten, uns gefragt was geht. Das
war in den 60er, vielleicht noch in den 70er Jahren. die meist von uns sind in
den 60er Jahren noch nicht dabei gewesen. In den 80er Jahren haben wir uns
gefragt, was wir wollen. Aber der Schwerpunkt der Reformbewegung ist immer
noch in den Kliniken, in den Anstalten gewesen. Wenn Sie zurückdenken, wie
wenig es an extramuralen Diensten damals gegeben hat, ist das auch kein Wunder.
Und viel an Reform ist aus den Anstalten nach draußen getragen worden, das
sollte man auch nicht vergessen. In den 90er Jahren endlich haben wir
angefangen zu fragen, was wollen die Kranken, was wollen die Angehörigen und
die haben eben auch nicht länger still geschwiegen, sondern sie haben
angefangen ihre Bedürfnisse zu formulieren. Wobei die Bedürfnisse der Kranken
nicht identisch sein müssen mit den Angehörigen. Aber auch die Bedürfnisse
der Patienten sind nicht identisch mit unseren Bedürfnissen oder den der
Angehörigen. Man muß da einen Kompromiß denke ich finden, einen therapeutischen
Kompromiß, einen rehabilitativen Kompromiß, den man nicht unbedingt einen
Trialog nennen muß.
Die Frage, was die Kranken
wollen, ist eine, die schwer zu beantworten ist. Man kann sich, wie Herr
Wilkening das heute morgen getan hat und wie die alten Anstaltsdirektoren dies
Anfang der 70er Jahre auch getan haben, darauf berufen, daß die Patienten ja
in den Langzeitbereichen der Klinik zufrieden sind. Zu denken muß nicht geben,
daß Herr Wilkening das heute sagt, sondern zu denken muß geben, daß die
Patienten in Wunstorf und Münster, das Anfang der 70er Jahre in den
Langzeitbereichen gesagt haben.
Und dazu gibt es jetzt neuere
Untersuchungen, Lebensqualität ist eines der Modethemen im Augenblick in der
Sozialpsychiatrischen Forschung. Und diese neueren Untersuchungen sagen, daß
die subjektive Lebensqualität der Patienten nicht identisch ist mit der
objektiven Lebensqualität. Ich will das nicht weiter erläutern, ich will nur
sagen, daß jemand der 20 Jahre auf einer Langzeitabteilung einer guten oder
schlecht geführten - wie immer gewesen ist - auch in einer schlecht geführten
nach 20 Jahren als Schizophreniekranker, durch Schizophrenie Behinderter sich
in seinen Bedürfnissen an das anpaßt, was ihm angeboten wird. Das ist ja das
schreckliche an manchen Auswirkungen dieser Krankheit, daß die Einschränkung
immer größer wird. Das er auf Anregung von außen angewiesen ist. Und wenn wir
ihn dann in einem Jahrzehnt oder zwei dahin gebracht haben, daß er fast keine
Bedürfnisse hat außer Essen, Trinken und Rauchen. Wenn wir ihn dann fragen, ob
er zufrieden ist und seine Antwort, ich bin zufrieden, ich möchte hier mein
Leben lang bleiben, als objektive Wahrheit akzeptieren oder als die von ihm
wirklich gemeinte Wahrheit, dann ist das fast zynisch.
Wir müssen uns fragen, wenn wir
uns überlegen, wie wir psychiatrische Dienste für Behinderte entwickeln und
betreiben wollen, wie würde ich mich in meinen gesunden Tagen entscheiden. Wie
hätte der Patient leben wollen, als er noch gesund war. Das kann man
bestenfalls die Angehörigen fragen oder man kann den Patienten fragen, was er
für Träume gehabt hat, als er 20 Jahre war. Oder als er 25 war und nicht
schizophreniekrank gewesen ist.
Wir kommen hier in einen
Spannungsbogen zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge und wir können die
Selbststimmung dann nicht überstrapazieren, wenn es dem Patienten objektiv
schlecht geht und zwar in einer Weise schlecht geht, in einer Situation, die
wir selbst herbeigeführt haben.
Das, was der Langzeitbehinderte
mit einer Restsymptomatik an einer schizophrenen Psychose am meisten fürchtet,
ist die Veränderung, ist der Wandel. Das steht in allen Lehrbüchern, das haben
wir in den 60er Jahren schon im Studium gelernt, wenn wir aufgeklärte Lehrer gehabt
haben. Und das bedeutet, daß man, wenn jemand sagt, jetzt ist hier Stillstand,
ich will mich nicht mehr bewegen. Und wenn er erst 55 oder 65 oder 45 oder 35
Jahre und dann eine Lebensperspektive von noch 40, 20 oder 30 Jahren oder wie
immer hat, dann kann das nicht bedeuten, daß wir es dabei stehen lassen.
Sondern das muß bedeuten, daß wir uns fragen, wie soll es weitergehen.
Veränderungen, brauchen eine lange Zeit. Und wenn jemand, das hat schon John
Wing vor 20 Jahren gesagt, wenn jemand ein Jahr in einem Behindertenbereich
einer Anstalt gewesen ist, braucht er ein viertel Jahr Rehabilitation. Wenn
jemand 10 Jahre dagewesen ist, braucht er 2 1/2 Jahre Rehabilitation.
Behutsam vorsichtig und wenn man diese Phase ausgeschöpft hat, dann hat man
das möglicherweise erreicht, was an Wiederherstellung an diesen Kranken
möglich ist. Und dann möge man ihn fragen, wie er sich seine Zukunft
vorstellt.
Jetzt habe ich meine Zeit mehr
oder weniger ausgeschöpft. Ich will aber doch zum Abschluß noch einmal zurückkommen
auf diese Grundprinzipien der Behandlung, wie sie von der Veltin-Kommission
1988 formuliert worden sind. Therapie, Wohnen, Arbeit, Teilhabe am
gesellschaftlichen Leben. Und aus der Perspektive von heute, möchte ich ganz
kurz skizzenhaft etwas dazu sagen.
Therapie und Pflege haben
angemessen zu sein. Das ist ein Gummiwort, ein Plastikwort, wenn Sie so
wollen. Aber das bedeutet, daß Sie die Bedürfnisse der Kranken, ihrer Angehörigen
zu berücksichtigen haben. Das Zwang nur dort erlaubt ist, wo die
Urteilsfähigkeit des Patienten durch die Krankheit beeinträchtigt ist. Und das
bedeutet, daß die Methoden der psychiatrischen Behandlung und der Pflege, die
heute vorhanden und international anerkannt sind, auch angewendet werden
müssen. Und wenn ich hier höre, daß man Schizophreniekranke nicht behandeln
kann als Nervenarzt, weil der Bemessungsindex das nicht hergibt, dann frage
ich als hochbezahlter schweizerischer Psychiater, wo denn geschrieben steht,
wieviel ein Nervenarzt verdienen muß. Ich erlaube mir ihn zu erinnern an den
Eid des Hippokrates, in dem er schwört, daß er sich nach besten Kenntnissen und
bestem Wissen um seine Patienten kümmert. Egal wieviel Geld er dafür bekommt.
Sekundär darf er sich darum bemühen, daß er mehr Geld bekommt, das er
angemessen bezahlt wird. Aber er kann nicht argumentieren, daß er seine
Patienten, bestimmte Patientengruppen nicht behandelt. Und er darf auch nicht
ausschließen, mit der Begründung, dafür reicht es nicht aus.
Das zweite ist das Wohnen.
Darüber wissen wir heute, denke ich, noch nicht genug, wieviel ein Behinderter
vertragen kann an Selbständigkeit. Wieviel Klinik, wieviel Heim, wieviel Wohngemeinschaft,
wieviel betreutes Wohnen er benötigt. Frau Seelhorst hat das angedeutet, der
Schlüssel 1:12 der da so gegriffen ist, was die Betreuung anbetrifft ist auf
der einen Stelle zu viel, auf der anderen Stelle zu wenig. Hier braucht es
Experimentieren. Und natürlich ist es so, daß die Kostenträgerregelungen, die
existieren, Experimentieren im Augenblick nicht begünstigen. Nur wenn wir uns
das überlegen, ob das gut ist oder nicht so gut ist, dann müssen wir uns nicht
die Frage nach dem Grundsätzlichen stellen, sondern nach dem Tatsächlichen und
auch die Frage, wie man die Dinge möglicherweise verbessern könnte.
Arbeit ist ein ähnliches
Kapitel, dazu wäre es eigentlich sinnvoll jetzt noch einmal mit voller Stimme
anzuheben und eine Stunde lang dazu zu referieren. Es ist schwierig, über
Arbeit für Behinderte zu reden in einer Gesellschaft, der die Arbeit auch für
die Gesunden ausgeht oder scheinbar ausgeht, auf jeden Fall wo die Arbeit nicht
genügend vorhanden ist. Aber, weil die Situation so ist, müssen wir uns auch
fragen, ob wir als Therapeuten und als Rehabilitationsfachleute nicht
bestimmten Mythen im Hinblick auf den Wert der Arbeit hinterherhängen. Uns
allen sitzt irgendwo der 90. Psalm in den Knochen:
"Des Menschen Leben währet
70 Jahre, wenn es hoch kommt 80 Jahre, und wenn es gut war, ist es Mühe und
Arbeit gewesen."
Das Schreckliche daran ist, daß
es sich um einen Übersetzungsfehler handelt, von Luther. Dieser hat nun die
gesamte protestantische Gesellschaft über mehrere Jahrhunderte beherrscht.
Dabei ist Arbeit bis vor 200 Jahren eine Angelegenheit der Plebs, der Bauern,
der Pächter gewesen, wem es gut ging, der ging auf die Jagd, hat sich anderweitig
beschäftigt. Und wir prügeln heute sozusagen mehr oder weniger jeden zur Arbeit,
in der Vorstellung, das ist gut.
"Arbeit ist der wahre
Krüppelarzt", ist ein Zitat aus einer Rehabilitationsschrift für orthopädisch
Kranke aus den 20er Jahren. So kann es ja wohl nicht sein. Es gibt Alternativen,
möglicherweise zur Arbeit, die das gleiche leisten können, Betätigung ist
eigentlich das Schlüsselwort. Und die Formen, der Arbeit die wir anbieten im
Behindertenwesen sind möglicherweise keineswegs optimal. Es gibt andere
Modelle, wie die Selbsthilfefirmen, die Zuverdienstfirmen und ähnliches andere
mehr, wo das gleiche am sozialen Wert, das gleiche an Produktivität zu sehr
viel geringeren Kosten geleistet werden kann und sehr viel mehr an Erfüllung
für die Behinderten und die Patienten. Und schließlich die Teilhabe am gesellschaftlichen
Leben. Dazu kann ich nicht fürchterlich viel sagen, nur darüber klagen, wie
wenig an Teilhabe, wie wenig an wirklicher Integration in die Gemeinde auf
diesem Gebiet erreicht worden ist.
Ich denke, hier ist ein ganz
großes Feld für die Behindertenvereinigungen, die Selbsthilfevereinigungen,
für die Angehörigenvereinigungen in Zusammenarbeit mit uns und mit Unterstützung
durch uns. Es geht darum, zu versuchen, unter dem Vorzeichen der Risikogesellschaft,
lassen Sie mich dieses Plastikwort verwenden, dafür Sorge zu tragen, daß die
Behinderten, ob körperlich oder psychisch, in möglichst hohem Umfang ein
eigenes Leben - das ist auch so ein Schlagwort-
gestalten können, so wie wir das auch wollen.
Dies ist ein weites Feld. Wenn
ich dieses alles nun versuche zusammenzufassen, was an systematischen und
verstreuten Gedanken Ihnen hier vorgetragen habe, wird es Ihnen nicht
schwerfallen sich vorzustellen, was ich dann doch über das große lokale Projekt
des "Wahren Dorffes" denke. Ich will es auch nicht vorenthalten.
Ich bin überzeugt davon, daß
Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Es gibt Menschen, die wollen
ihren Lebensabend in Mallorca verbringen, es gibt Menschen, die steigen aus und
möchten am liebsten in der Toskana leben und da töpfern oder ähnliches
machen. Und ich kann mir auch vorstellen, daß es Menschen gibt, die unter den Bedingungen,
die das "Wahre Dorff" mit Wara und Suyo und was für andere Vorstellungen
da in dem Konzeptpapier ausgebreitet wird, gern leben könnten. Aber wir müssen
uns bewußt sein, dies widerspricht einer allgemeinen, in der ganzen westlichen
Welt akzeptierten und verbreiteten Ansicht darüber, wie man Psychiatrie und wie
man Behindertenarbeit betreiben sollte.
Wenn man sich trotzdem anders entscheiden will, wenn man meint in Hannover eine Alternative verwirklichen zu wollen und die "wirklich fortschrittliche Psychiatrie" zu machen, dann möge man dies tun. Aber die Träger der Öffentlichkeit, wären gut zu beraten, zu bedenken, ob sie dies mit hohen Pflegesätzen an öffentlichen Geldern und zweistelligen Millionenbeträgen unterstützen wollen. Wenn Sie dies tun, dann ist das Ihre Angelegenheit, die Sie hier in der Region leben, das zu unterstützen oder dem zu widersprechen. Für mich, der ich in der Schweiz lebe, ist es das nicht. Aber wenn das realisiert wird, dann werden Sie anläßlich der EXPO 2000 hier in Hannover, das modernste und das teuerste Psychiatriemuseum der Welt haben.