Begrüßung
Thomas Walter, Dezernent für Gesundheit, Jugend und Soziales
der Landeshauptstadt Hannover
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich freue mich sehr darüber, daß der Landesfachbeirat Psychiatrie in Niedersachsen
seine Aufbruchs-Visionen hier bei uns im Congreß Centrum der Landeshauptstadt Hannover mit Ihrer freundlichen
Mitwirkung und Mithilfe entfaltet und diskutiert.
Es liegt mir fern, die folgende
Einführung durch den engagierten Geschäftsführer des Landesfachbeirates, Herrn
Holler, vorweg zu nehmen, aber Sie sehen es einem Sozialdezernenten nach, angesichts
einer solchen Fülle von Fachleuten und der Bedeutung der Psychiatriereform
gerade auch für unsere Region nicht nur im Formalen stecken zu bleiben, sondern
wenigstens einige Skizzen zum Stand der Debatte aus seiner Sicht beizutragen.
Zunächst einmal denke ich, daß Ihr Kongreß-Motto im
doppelten Sinne wichtig und richtig ist:
Gerade die Psychiatrie, und hier in aller erster Linie die Sozialpsychiatrie,
braucht Visionen
- heute mehr denn je - und
insbesondere ist die Zustandsbeschreibung einer Psychiatrie im Aufbruch nicht
falsch, auch wenn ich mir von Eingeweihten habe sagen lassen, daß dieser Aufbruch von vielen und schon als länger
andauernder Normalzustand empfunden wird.
Als ich vor kurzem bei einem
Besuch in den Vereinigten Staaten feststellen konnte, daß
es dort für eine Stadt mit 300.000 Einwohnern überhaupt nichts
außergewöhnliches ist, eine sozialpsychiatrische Versorgung mit weit über 100
Mitarbeitern sicherzustellen und dies natürlich rund um die Uhr und mit allen
Ausprägungen wie Krisenintervention, Notaufnahmestation, Durchlässigkeit
zwischen ambulanten und stationären Angeboten und ähnlichem, da ist mir das,
was in Fachkreisen gerne mit "Nachholbedarf psychischer zu somatischen
Erkrankungen" umschrieben wird, in unserem Lande noch einmal besonders
plastisch geworden.
Wichtig ist denke ich, sich von
solchen Vergleichen nicht in Frustration zurückwerfen zu lassen, sondern sie in
der Tat als Ansporn für eine Forcierung der Diskussion auf allen Ebenen zu
begreifen und sich in jeder Hinsicht am Besseren zu orientieren.
Dennoch, trotz aller Visionen,
auch die Sozialpsychiatrie tut gut daran, Rahmenbedingungen nicht zu
ignorieren, sondern produktiv zur Kenntnis zu nehmen.
Die Gemeindepsychiatrie als
Programm ist nach meiner Wahrnehmung heute praktisch unbestrittener Obersatz.
Das ist mit Sicherheit auch ein Stück Fortschritt, der Teufel aber steckt auch
hier wie regelmäßig im Detail.
Das was bei uns im Großraum
Hannover in den vergangenen Monaten unter der für mich nicht immer ganz
glücklichen Überschrift "Enthospitalisierung"
diskutiert, konzeptioniert und wenigstens ansatzweise
auch verändert ist, hat nicht nur Bedeutung für unseren Raum, sondern macht
auch Eckpunkte der Diskussion von internen Umstruktierungen
bis zum Aufbau notwendiger niedrigschwelliger und
ambulanter Versorgungsangebote in den Kommunen überall deutlich.
Vor allem aber hat gerade auch
diese Diskussion erneut klar gemacht, wie sehr bestehende Finanzierungsregelungen
gerade bei der Sozialpsychiatrie der fachlich notwendigen Durchlässigkeit im
Wege stehen:
Solange wir nach wie vor im
Grundsatz mit der Situation konfrontiert sind, daß
alles Ambulante von den Kommunen und alles Stationäre vom Land bezahlt wird,
blockt der Mechanismus des Fortschritts an der Stelle, wo die Geldbörse
gedrückt wird. Ich denke angesichts der aktuellen Finanzkatastrophe, in der
sich bei weitem nicht nur unsere Stadt, sondern alle Kommunen befinden, kann
dies letzten Endes auch Betroffene und Experten nicht grundsätzlich
verwundern. Was wir vor allem brauchen, ist deswegen aus meiner Sicht neben
der Qualitätsdiskussion über fachliche Standards, eine neue Durchlässigkeitsregelung
der Finanzierungsbedingungen, die Fortschritte im Hinblick auf durchlässige
und teilstationäre/ambulante Angebote nicht behindert sondern fördert.
Vielleicht gibt es ja die
Möglichkeit, im Rahmen der aktuellen Diskussion über neue Modelle der
Verwaltungsreform gerade auf diesem Sektor neue Spielregeln und Finanzierungsbedingungen
wenigstens modellhaft einmal auszuprobieren. Ich würde jedenfalls gerne daran
mitwirken.
Wir haben hier in Hannover, was
die Sozialpsychiatrie angeht, bereits seit längerem Erfahrung
mit einer aus meiner Sicht hervorragend funktionierenden Sektorisierung.
Wir haben inzwischen ebenfalls Erfahrungen mit unserem sozialpsychiatrischen
Verbund gemacht, die auch bestehende Versorugngsdefizite
- ich nenne nur einmal die Gerontopsychiatrie oder die Versorgung
Alkoholkranker - zu recht erneut ins Blickfeld gerückt haben.
Das Land Niedersachsen hat
solchen Bemühungen durch die jüngst nach langen Vorbemühungen erfolgte Novelle
des Nds. Psychiatriegesetzes zusätzlichen Rückenwind verschafft. Diesen
Rückenwind gilt es jetzt produktiv zu nutzen.
Wir alle, die wir in Politik,
Verwaltung oder den sozialen und medizinischen Diensten Verantwortungen tragen,
sollten dabei aber nicht vergessen, daß das was wir
betreiben, kein Selbstzweck ist, sondern im Interesse von Menschen geschieht,
die die Fähigkeit verloren haben, sich selbst zu helfen. Nicht unser
Interesse ist maßgebend, sondern unsere Leitfrage ist die, wie wir notwendige
Hilfen effektiv und sachgerecht bereitstellen können.
Ich bin überzeugt davon, daß die hervorragende Beteiligung an diesem Forum des
Landesfachbeirates einen wichtigen Beitrag zu einer solchen Orientierung
leisten will, leisten kann und leisten wird.
In diesem Sinne darf ich Ihrer
Veranstaltung im Namen von Rat und Verwaltung der Landeshauptstadt Hannover sowie
insbesondere auch von Herrn Oberbürgermeister Schmalstieg einen besonders guten
Verlauf, interessante Diskussionen und konstruktive Ergebnisse wünschen.
Herzlichen Dank!