Die Perspektiven des personenzentrierten Hilfeprogramms: Geborgen in der Einrichtung, verloren in der Gemeinde?

 

 

Dr. Jürgen-Hel­mut Mauthe, NLKH Königslutter

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

"Die Lehre von den für die geistige Gesundheit der Gesamtheit verderblichen Umstände und den zu deren Abwehr nützlichen Maßre­geln werden wir soziale Psychiatrie nennen".

 

Das war, zumindest von der Formulierung her, die aus dem Jahre 1904 stammt, der Anfang der Sozialpsychiatrie. Ihre Hintergrün­de, ihre Ausrichtung, das empirische Material, aber auch die konkreten Hoffnungen und Utopien haben gewechselt. In der Kürze der Zeit will ich nur einiges schlagwortartig bezeichnen:

 

Schon die Gründung der psychiatrischen Anstalten im 19. Jahrhun­dert überall in Deutschland hatte auch sozialpolitische Motive: Nicht nur die gesundheitliche Situation chronisch Kranker, son­dern auch deren soziale Lage sollten verbessert werden. Weit später und im Gefolge der eigentlichen sozialpsychiatrischen Entwicklung kam eine Flut von Begriffen auf, die ich hier weit­ge­hend ungeordnet benennen will: Therapeutische Gemeinschaft, Milieutherapie, Tages­klinik, Übergangsheim, Fürsorge, Nachsorge, Rehabilitation, Prävention, Vernetzung, Sektori­sierung, Tages­strukturierung, Enthospitalisierung, Normalisierung, Gemeinde­psychiatrie, Bedarfsorientierung, Komplexleistung, Verbundlö­sung.

 

Manche der Begrifflichkeiten haben Bestand behalten, andere sind nach vorübergehendem Bedeutungsgewinn wieder in den Hintergrund getreten. Gemeinsam ist allen die Ausrichtung auf die Gesell­schaft hin verbunden mit der konkreten Hoffnung, daß psychisch Kranke durch entsprechende therapeutische und andere Maßnahmen instand gesetzt werden können, (wieder) in normalen sozialen Bezügen zu leben. Gemeinsam ist ihnen auch das Bemühen um die Reform der alten Anstaltspsychiatrie und die Verlagerung der Versorgungsaktivitäten in den biographisch richtigen kommunalen und regionalen Rahmen.

 

Die Psychiatrie-Enquête, die "Enquête der 200", wie sie auch hieß, legte ihren Bericht 1975 vor und leitete einen Reformpro­zeß ein, der zu erheblichen Verbesserungen in der stationä­ren, aber auch in der ambulanten Versorgung psychisch Kranker führte. Die 1988 vorgelegten Empfehlungen der Expertenkommission der Bundesregierung bedeuteten einen weiteren Baustein in der Ent­wicklung sozialpsychiatrischer Konzepte. Nicht zuletzt die evo­lutionäre "Personalverordnung Psychiatrie" hat die Versor­gungs­situation in den Krankenhäusern erheblich positiv verän­dert.

 

Der darauf begründete Leitfaden zur Qualitätssicherung in psych­iatrischen Kliniken enthält im übrigen deutliche milieutherapeu­tische Züge.

 

Schließlich möchte ich das "Bremer Modell" erwähnen, das ja im wesentlichen ein Modell der Enthospitalisierung geblieben ist, wie die Insider in Niedersachsen sicher wissen.

 

So gibt es auch Gefahren, auf die nicht zuletzt die Sozialpsych­iater selbst hingewiesen haben. Therapie und Rehabilitation, Unterstützung und Betreuung finden in einem Spannungsfeld zwi­schen paternalistischer Fürsorge und partnerschaftlichem Mitein­ander statt. Oft wird die Befürchtung geäußert, man sei gleich­sam in einem Netz von Betreuern, Institutionen und Diensten gefangen und verliere an Autonomie. Das ist sicher nachvollzieh­bar, wenn ich auch meine die gegenteilige Gefahr ist größer: Es drohen (erneut) Ausgrenzung, Vernachlässigung, Verwahrlosung und gänzliches soziales Abgleiten und vielleicht ist man dann wirk­lich "allein in der Gemeinde", ohne normale Kommunikation, ohne Arbeit und vielleicht auch ohne Wohnung.

 

Da bleibt uns zunächst nicht viel anderes als die Spannung aus­zuhalten, den Balanceakt geschickt zu wagen, der möglichst viel Autonomie mit möglichst wenig Abhängigkeit in möglichst normalen Bezügen erlaubt.

 

Das ist sozusagen das allgemeine Credo, ein allgemeines Problem der sozialpsychiatrischen Arbeit ebenso aber vielleicht auch der Prüfstein für Modelle von denen wir heute hören werden:

 

"Möglichst viel Autonomie mit möglichst wenig Abhängigkeit in möglichst normalen Bezügen".

 

Systeme, die diesem Anspruch auf Dauer genügen werden, können nur solche sein die

 

-           personenzentriert,

-           normalitätsbezogen,

-           transparent,

-           flexibel,

-           außenorientiert und

-           offen sind.

 

Umgekehrt verweist die Dominanz der Institution mit den dort geltenden Regeln und der damit oft verbundenen Intransparenz, die oft mit einer systematischen Geschlossenheit verbunden ist, auf alte Risiken hin, die zu verringern sich die Sozialpsych­iatrie seit langem bemüht. Hier mag auch ein Ansatzpunkt der Kritik liegen, der nach wie vor gegenüber Großinstitutionen, mögen sie nun Heim oder Krankenhaus sein, geübt wird.

 

Ich hoffe, wir werden über diese sozial-psychiatrischen Dimen­sionen einiges hören und ich hoffe, Sie ergreifen die Gelegen­heit dazu kritisch und kontrovers im Zusammenhang mit den fol­genden Referaten zu diskutieren.

 

 

 

 

Dr. Niels Pörksen, Psychiatrische Klinik der Bodelschwinghschen Anstalten BethelGilead, Bielefeld

 

Meine Damen und Herren,

 

zunächst einige Vorbemerkungen:

 

Als ich 1984 nach Bethel kam, der größten Kranken- und Behinder­ten-Einrichtung in Deutschland und Europa, gab es noch viele große Häuser mit Langzeit-Patienten.

Patienten, Mitarbeiter und die Leitung waren zufrieden.

Statt Geborgenheit hieß das Stichwort: "Beheimatung" in einer Welt der Akzeptanz, Toleranz und Mitmenschlichkeit, aber auch Unselbständigkeit.

 

Ende der 70er Jahre hatte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe eine Studie in Auftrag gegeben, in der das Ehepaar Mühlich von Staden Wünsche und Bedürfnisse von Langzeit-Patienten zu ermit­teln hatten.

Diese wurden im Psychiatrie-Verlag in dem immer noch lesenswer­ten Buch "Ein Bett ist keine Wohnung" publiziert.

 

Und mit Wohnung ist nicht nur das Einzel- oder Doppelzimmer gemeint, sondern die Selbständigkeit und Unabhängigkeit von durch den Pflegesatz geprägten Strukturen, Taschen­geldern usw.

Wir haben viel von den Erfahrungen aus Blankenburg bei Oldenburg gelernt. Der Auflö­sungsbeschluß des Landes Bremen stand am An­fang, aber hier wurden nicht - wie zu Beginn der 70er Jahre - die chronisch psychisch Kranken in Bussen oder Zügen in leer­stehende Sanatorien oder Erholungsheime verschoben. Hier wurden die individuellen Interessen und Bedürfnisse jedes Einzelnen ermittelt. Die Blankenburger wohnen inzwischen in Bremen, mehr oder weniger betreut, geborgen in der Gemeinde.

Subjektiv beurteilen fast alle Betroffenen diese Entwicklung als erhebliche Verbesserung.

 

Loren Mosher, zur Zeit verantwortlicher Psychiater für die re­gionalen Dienste in San Diego, allen bekannt durch sein Soteria-Konzept und sein mit dem Italiener Burti verfaßtes Buch zur Gemeindepsychiatrie, und ich sind vor 6 Wochen in Wittstock in Brandenburg aufgetreten, um den dortigen Dezentralisierungs- und Enthospitalisierungs-Prozeß der Großeinrichtung Dosse-Park wei­ter voranzutreiben.

Auch Loren Mosher ist inzwischen der Überzeugung, daß isolierte Soteria-Konzepte für ausgewählte Patienten nicht weiterführen. Die Soteria-Philosophie muß integraler Bestandteil der Akutpsy­chiatrie werden.

 

Wittstock Dosse-Park, die größte Langzeiteinrichtung der ehema­ligen DDR für psychisch Kranke und Behinderte, ist in seinem hoch-professionell geführten, erfolgreichen Enthospitali­sie­rungs-Prozeß vom Träger, der Arbeiterwohlfahrt, abrupt gestoppt worden.

Dies nicht etwa wegen der veränderten Bedürfnisse von betroffe­nen Mitarbeitern, sondern weil sich der Träger nach der Wende im Lande Brandenburg verspekulierte, Schulden in mehrstelliger Millionenhöhe machte und sich nun nicht mehr leisten kann, die große Ein­richtung zu dezentralisieren, d.h. auch, überschaubarer zu machen.

Man kann es auf den Punkt bringen: Sanierungskonzepte lassen sich besser bei großvolumi­gen Budgets realisieren, über die Pflege­sätze läßt sich so manches abwickeln.

 

Ich bin seit mehr als 25 Jahren in der Gemeindepsychiatrie tätig und mehr denn je davon überzeugt, daß gemeindepsychiatrisches Handeln mit der Perspektive, für jede Patientin und jeden Pa­tienten das ihr oder ihm gemäße und angemessene Hilfekonzept zu entwickeln, jeder einrichtungsbezogenen Anpassung von Patien­ten oder Betroffenen an vorgegebene Struktur überlegen ist; dies allerdings nur, wenn gewährleistet ist, daß die kommunalen Strukturen der Daseinsvorsorge, d.h. Wohnung, Sozialhilfe, Ein­gliederungshilfe, soziale und gesundheitliche Betreuung zusam­menwirken.

Eingliederungshilfe, Behandlung und Pflege (sogenannte Komplex­leistungen) sind Voraus­setzungen personenzentrierter Hilfen, die derzeit noch wesentlich einfacher in stationären Einrichtungen zu realisieren sind.

 

Aber man kann am Beispiel der Stadt Köln oder der Stadt Bochum ganz gut studieren, wie es gelingen kann, zwischen den verschie­denen Ämtern einer Stadt und den Trägern die komplementäre Si­cherstellung der Versorgung abzusichern.

 

Alles andere - den Insidern gut bekannt unter dem Stichwort "Intramurale Gemeindepsych­iatrie", wie es in den 70er Jahren Prof. Keupp, Leiter der Bonhoeffer-Nervenklinik Berlin, propa­gierte, oder wie es heute auch anderenorts kopiert wird - ist nichts anderes als Träger­interessen.

Trägerinteressen sind legitim, sie sind aber nicht identisch mit Patienteninteressen, wie immer ich die Patienten auch definiere (ob als Patienten, Betroffene, Nutzer, Kunde, Dorfbewohner usw.). So etwas ist nicht modellhaft. So etwas ist alter Wein in neuen Schläuchen und nachweislich teurer. Da steckt der Teufel nicht im Detail, sondern - wie das für Teufel typisch ist - in der Philosophie. Unsere Version ist eine andere; zurück zur Situation in Bielefeld:

 

Die v. Bodelschwingschen Anstalten sind in einen unaufhaltsamen Enthospitalisierungs- und Dezentralisierungs-Prozeß eingetreten, der zu erheblicher Verkleinerung führt.

Der Dezentralisierungsprozeß setzt andererseits Kräfte frei, schafft ein partnerschaftlicheres Miteinander aller Beteiligten und wird den Bedürfnissen der Betroffenen mehr gerecht.

 

Natürlich ist das eine Herausforderung an große Träger. Die v. Bodelschwingschen Anstalten Bethel gehen im eigenen Interesse den Weg der Dezentralisierung mit, das heißt, sie ver­lassen ihren bisherigen Ort und wandern mit den Patienten dorthin, wo diese herkommen. So entstehen dezentrale Standorte wie im Ruhr­gebiet.

 

Insgesamt ist die verbindliche gemeindepsychiatrische Orientie­rung am ehesten dort zu realisieren, wo - wie z.B. im neuen niedersächsischen PsychKG festgeschriebenen - Sozial- oder Ge­meindepsychiatrischer Verbund Zuständigkeit und Verantwortung regeln und aus den bisher eher angebotsorientierten Hilfen Lei­stungsbereiche und Verträge entstehen.

Wenn man örtliche und überörtliche Eingliederungshilfe gemeinsam definiert und kom­plementäre Strukturen dezentral flexibel orga­nisiert, dann sind diese - wie Modellrechnungen zeigen - in jedem Fall auch kostengünstiger.

 

Zu den Perspektiven des gemeindepsychiatrischen Verbundes für chronisch Kranke aller Gruppierungen gibt es keine Alternative. Allen ist dringend geraten, das auch so durch­zusetzen.

Allerdings muß man heute aufpassen,

 

-          daß die Berührungsängste der Bürgerinnen und Bürger vor psychisch Kranken und Behinderten in der Nachbarschaft nicht zur erneuten Stabilisierung von Großein­richtungen führt,

 

-          daß die Eingliederungshilfe im bisherigen Umfang bestehen bleibt,

 

-          daß zwischen örtlichen und überörtlichen Sozialhilfeträgern das Hin- und Hergeschie­be aufhört,

 

-          daß die Pflegeversicherung nicht Aufgaben übernimmt oder zugeschoben bekommt, die ihr nicht gehören,

 

-          daß die Parteinahme für Benachteiligte von allen, auch den Professionellen, nicht erlahmt.

 

Insgesamt aber geht alles in die erwähnte Richtung. Auch wenn im Einzelfall versucht wird, das Rad zurückzudrehen, die sozial- und gemeindepsychiatrische Vision wird sich in der Realität durchsetzen.

 

Vielen Dank!

 

 

 

Dr. Matthias Wilkening, Klinikum Wahren­dorff

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

über die Strategie des Klinikums Wahrendorff lesen Sie ja jeden Tag in den Zeitungen. Das Klinikum Wahrendorff ist das bestun­ter­suchte psychiatrische Krankenhaus Deutschlands. Da kommen die Bodelschwinghschen An­stalten und Gütersloh nicht mit, überhaupt keine andere Einrich­tung in Deutschland. Deswegen spare ich mir das. Und will jetzt aus meiner Situation heraus ver­suchen darzu­stellen, wie man sich Alternativstrategien psychiatri­scher Ver­sorgung vor­stellen könn­te. Denn es macht überhaupt keinen Sinn dar­über zu lamen­tieren, daß es psych­iatrische Krankenhäuser gibt. Es wird sie noch eine ganze Weile geben, jedenfalls werden wir, die wir hier sitzen, nicht mehr erleben, daß sie abge­schafft werden. Also muß es darum ge­hen, wie man hier und heute etwas verändern kann, damit sich die Si­tua­tion der Menschen, für die wir immer be­haupten zu­stän­dig zu sein, nämlich der Kranken, ver­bes­sert.

 

Und das ist aus meiner Sicht völlig kontrovers zu disku­tieren. Es geht um Alternativstrate­gien; ich habe mir das aufgeschrieben und ich hoffe, dies wird das einzige sein, was ich Ihnen vor­lese: "Alternativstrategien stehen im Zusammenspiel unterschied­licher Blickwinkel und gesellschaftlicher Prozesse. Sie werden in den Medien aus völlig anderen Motiven gesendet als in der Wissen­schaft erforscht, in der Politik aus anderen Gründen be­handelt als von den Betroffenen angestrebt."

 

Es wird uns auch hier und heute nicht gelingen, das alles unter einen Hut zu bringen, aber eines denke ich, kann uns gelingen und von daher stimme ich nicht ganz so damit überein, was mit Machts­trukturen in Kliniken zusammenhängt, mit dem was wir so bewegen können. Ich glaube, daß es diese Machtstrukturen gibt; und ob ich die gut finde oder nicht, steht ersteinmal völlig dahin. Eines jedenfalls ist klar, diejenigen, die diese Macht-strukturen in den Kliniken ausüben, sind aus meiner Sicht im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefragt, etwas an der jeweiligen eigenen Situation zu verändern.

Und das ist es, was ich bedauere; daß immer auf andere gezeigt und ihnen gesagt wird, was sie anders machen sol­len, statt er­steinmal sel­ber zu tun, was im Einflußbereich und den Mög­lich­keiten - auch den finanziellen Möglichkeiten - der jeweili­gen Institution möglich ist.

 

Nun will ich auch gar nicht über andere reden, sondern an dieser Stelle rede ich über das Klinikum Wahrendorff. Ich bin auch der Auffassung, daß große Einrichtungen - ich sage es mal etwas vorsichtig - nicht so gut sind wie kleine Einrichtungen. Auf der anderen Seite ist aus wirtschaftli­chen Erwägungen auch völ­lig unbestritten, daß sich größere Einrichtungen beispiels­weise mit ganz anderem Personal versorgen können. Einfach, weil die Schlüssel ganz andere sind. Und da spielen ja auch bei­spiels­weise Verhandlungen mit den Krankenkas­sen oder mit den Sozial­hilfeträgern eine gewichtige Rolle, wenn es um eine qualitativ hoch­wertige Ver­sorgung und Umsorgung von Menschen geht, über deren Köpfe wir hier hin­wegreden.

 

Was wir versuchen ist, Tageskliniken an möglichst vielen ver­schiedenen Stellen aufzubauen, in dem Sektor für den wir zustän­dig sind, in dem Aufgabenbereich, den das Land Nieder­sachsen dem Kli­nikum Wah­rendorff übertragen hat.

 

Wir meinen, daß das - und wir können das auch zeigen - mit den Mitteln die wir zur Verfügung haben möglich ist. Und wir machen das auch mit dem Personal, das wir haben. Das Personal arbeitet dann eben nicht nur im Klinikum Wahrendorff, im Ortsteil Köthen­wald. Das Klinikum Wahrendorff ist ja ein ziemlich großer Be­trieb, jedenfalls flächenmäßig. Ansonsten wesentlich kleiner als Landeskrankenhäuser, das wird auch immer wieder ver­gessen. Gleichwohl versuchen wir uns einzureihen in die Reihe derer, die etwas verändern wollen in der Psychiatrie.

 

Also bauen wir verschiedene Tageskliniken. Wir haben bereits zwei und die dritte wird demnächst eröffnet werden. Auf diese Weise wird es möglich sein, tatsächlich möglichst dicht oder immer dichter dahin zu kommen, wo tatsächlich Bedarf nach psych­iatrischer Versorgung ist. Das ist der eine Aspekt. Der ande­re Aspekt ist die Versorgung von Men­schen, die eben nicht ganz alleine leben können, sondern die mehr oder weniger unter­stützt selbständig wohnen möchten und das natürlich auch zusam­men mit den Angehörigen oder mit dem sozialen Umfeld tun sollen.

 

Um das überhaupt realisieren zu können, gehen wir einen Weg, der über die Fort- und Weiterbildung von Angehörigen und Betreuern und der Patienten selbst geht. Es macht keinen Sinn, wenn wir als Klinikum - zwar mit ziemlich breitem Rü­ken, aber eben auch nicht ganz ohne Nerven, das will ich wohl zugeben - dauernd mit dem Sozialhilfeträger herumstreiten müssen. Statt, daß diese finanziellen Streitigkeiten über das, was der Patient oder Be­wohner eigentlich haben möchte und was er b­raucht, um seiner Lebensart entspre­chend leben zu können, daß er das eben auch selber durchsetzen kann. Und dazu bedarf es einer intensiven Fort- und Weiterbildung. Wir haben das getan und inzwischen, darauf sind wir stolz, schicken die Gerichte uns Betreuer und Angehöri­ge, damit diese Menschen so fortgebil­det werden, daß sie die Bedürfnisse der Betreuten realisieren können.

 

Was nicht heißt, daß die Patienten nicht wissen was sie wollen. Das wird sehr häufig durcheinander gebracht. Ich kenne überhaupt niemanden in der psychiatrischen Landschaft, von den Pa­tien­ten und von den Mitarbeitern, die nicht in der Lage wären, ihre Be­dürf­nisse zu formulieren. Ich kenne da über­haupt keinen. Was wir uns angewöhnt haben, ist der Blick durch unsere eigene Bril­le. Und so sind wir erzogen worden in der Ausbildung; eben so zu gucken, wie wir natürlich auch gucken können, statt einmal zu hin­terfragen, was will eigentlich mein Mitmensch.

 

Jedenfalls kommt es tatsächlich eher darauf an, wenn es um sein Leben geht, was der möchte, als das, was ich möchte oder was Sie in Ihrer Klinik tun.

 

Ich glaube, daß ist einer der entscheidenden Punkte: die Fort- und Weiterbildung. Wie setzen wir das letztendlich in der tägli­chen Arbeit um, wie kommen Bewohner und Patienten tat­sächlich zu ihrem Recht. Auch das steht nicht im luftleeren Raum. Wir sagen, wenn ich schon versorgt werden muß, dann will ich wenigstens auch wissen von wem ich versorgt werde. Das heißt, ich muß ein Mit­spracherecht bei der Einstellung von Per­sonal haben.

 

Und die meisten von Ihnen werden sagen, das klingt gut, aber wie soll das gehen? Es ist sehr schwierig durchzusetzen, weil Ar­beits­recht, Mitarbeitervertretung, Gewerkschaften dem ersteinmal entgegestehen. Und die Mitarbei­ter selbst damit umge­hen müssen, nun beurteilt zu werden von einem, von dem wir doch behaupten, daß er das ei­gentlich gar nicht kann. Des­we­gen ist er nun gerade in die Kli­nik eingewiesen wor­den oder in einen Langzeitbe­reich oder in ein Heim. Im Grunde ist er entmündigt, wenn er diese Schwelle überschrit­ten hat, zwar nicht rechtlich, aber prak­tisch. Es werden ihm die Zigaretten zuge­teilt, das Mittag­essen kommt um 12.30 Uhr, aber in einer halben Stunde wird abge­räumt. Und wenn die Nacht­schwester kommt, muß alles schon erledigt sein, damit sie weniger zu arbeiten braucht, was anson­sten not­wendig ist und damit der Patient ins Bett kommt.

 

Alle diese Regelungen meine ich, müssen überprüft werden und müssen gesteuert werden können von denjenigen, um die es letzt­endlich geht und nicht ausgerichtet sein an den Bedürfnissen derjenigen, die die Leistungen erbringen sollen. Das kann nicht richtig sein. Daß das Ärger gibt, können Sie auch in der Zeitung lesen. Deswe­gen wird es trotzdem so gemacht. Und auf Dauer, da bin ich ganz sicher, wird sich das neue System durchset­zen.

 

Und das ist es, was ich propagiere: lebensstilorien­tierte Pfle­ge und Betreuung. Es geht darum, was will derje­nige über­haupt, der ver­sorgt werden muß. In welchem Umfeld ist er groß geworden; ist das was er tut - ich bin vor kurzen in Italien gewe­sen - nicht eher üblich. Ist nicht eher die Toleranz des Nachbarn gefragt, wenn jemand zu laute Musik an­macht. Müssen wir nicht in diesem Umfeld tätig werden. Statt denjenigen sofort "zu be­handeln". Diese Dinge spielen eine Rolle und diese Dinge nach vorne zu bringen ist nicht so einfach. Lebensstil­orien­tier­te Pflege nen­nen wir das und Sie werden sagen, das ist wieder ein neues Schlag­wort. Es ist aber kein Schlagwort, es ist eine Lebens­ein­stel­lung. Es ist die neue Art, wie wir miteinander umge­hen.

 

Matthias Wilkening ist mein Name, ich bin Anästhesist von Haus aus, habe dann Psychiatrie und Neurologie gelernt, und das, was ich gelernt habe und seit 1985 in der nun immer sichtbareren Weise versuche umzusetzen, daran möch­te ich gerne weiter arbei­ten und das werde ich auch. Das geht nicht ohne Sie; wenn Sie sich verre­geln lassen von Bürokratie, von Vorgesetzten. Von Politi­kern wird die Psychiatrie nicht nach vorne kommen und wir werden eben keines­wegs Alternativstrategien entwickeln können, wenn man sich ins Bockshorn jagen läßt. Al­ternativstrategien, das ist es, worüber ich reden wollte, hat jeder von Ihnen im Kopf, Sie müs­sen sie nur umsetzen. "Vernetzt, aber nicht ganz dicht", das denke ich, ist das Thema von Alterna­tivstrategien. Und: Lassen Sie es uns tun!

 

 

Nachtrag, Teil der Diskussion

 

Wie haben wir uns das vorgestellt mit den Mit­arbeitern, mit Angehörigen, mit der Sozialver­waltung? Ich muß Ihnen sagen, die stellen sich das ganz anders vor. Und dazu haben wir gesagt, das kann nicht richtig sein, daß das, was in der Vergangenheit ge­macht wurde auch in großen Landes­krankenhäusern, daß Patienten busweise in Altersheime oder wenig ge­eignete sonstige Einrich­tungen verbracht und mit ungenügenden personellen Mitteln ver­sorgt wurden. Wir erschrecken jetzt im Grunde davor zu sagen, was mit denen passiert oder eben nicht passiert ist.

 

Ich habe am Anfang darauf hingewiesen, daß es heute schlechte Be­dingungen gibt in bestimmten Bereichen und wir müssen diese schlechten Be­dingungen verändern. Und ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Wenn 24 Menschen in einem Saal leben, und wenn ich das sehe und das weiß, dann muß ich das ab­stellen, und zwar sofort. Da kann ich nicht darauf warten, daß die Ge­meinde, die Kommunen, die Gemeindepsychiater, die Sozial­psych­iater sich zwar alles mögliche ausdenken, aber die ganzen Rah­menbe­dingungen dafür gar nicht stimmen. Und das PsychKG, welches geändert wor­den ist, liest sich prima, aber die mate­riel­le Aus­stattung die­ses Gesetzes ist ausgesprochen dürftig, so daß zwar den Menschen suggeriert wird, es würde besser, tatsäch­lich pas­siert aber überhaupt nichts. Und wenn Sie in vier Jahren bei den nächsten Wahlen einmal nachfragen, was daraus gewor­den ist, dann werden Sie das feststellen.

 

Ich bleibe dabei, wenn Sie das nicht selbst tun, wird sich nichts verändern.

 

Also, zurück zu diesen 24 Menschen in einem Raum. Denen müssen Sie Ein- oder Zwei-Bettzimmer verschaffen, wenn das in Ihrer Möglichkeit steht. Und denen müssen Sie eine Dusche verschaffen, damit sie wirklich in die Lage versetzt werden zu duschen, wenn sie denn duschen wollen. Und es macht überhaupt keinen Sinn dar­über nachzudenken und darüber zu lamentieren, daß es Menschen gibt, die nicht duschen wollen und deshalb eine Dusche gar nicht erst ange­schafft wird. Das finde ich nicht rich­tig.

 

 

Ich bin nicht zuständig für die Psychiatrie­politik des Lan­des Nieder­sachsen. Aber ich bin zuständig für einen Be­reich, den ich sel­ber ein wenig mit beeinflussen und mit bewegen kann. Und ich will nicht auf mir sitzen lassen, daß ich es gesehen, aber nichts getan habe. Ich kann nicht darauf hoffen und war­ten, was Politiker in ihrer Haushaltsplanberatung für das näch­ste Jahr eventuell vorsehen. Das ist nicht mein Ding. Die Diskussionen darüber, nach wel­chem Para­graphen ein psychisch Er­krankter ei­gentlich ver­sorgt oder gepflegt werden sollte, finde ich gera­dezu un­menschlich. Das ist unglaublich und das lassen wir uns alle permanent in unser angeblich professionellen Arbeit gefal­len.

 

Diese Einrichtung "Klinikum Wahrendorff", für die ich die Ver­antwortung gerne mittrage, weil sich da wirklich etwas bewegen läßt, wird auf eine prozeß­hafte Art und Weise ver­kleinert, indem wir uns beispielsweise für den Ortsteil Köthenwald zur Aufgabe gemacht haben, Menschen zu bewe­gen dahin zu ziehen mit ihren Familien und aus dieser Großein­richtung ein Dorf zu machen. In diesem Dorf werden diejenigen, die dort vorher als Kranke leb­ten, immer weiter "wegge­wohnt". Die einen ziehen dahin, die ande­ren ziehen dorthin, wie es in jedem Dorf, in jeder Stadt der Fall ist. Aber es ist eben ein Prozeß. Und Sie werden nicht erwarten können, daß dieser Prozeß nächstes Jahr oder zur Welt­ausstellung bereits abgeschlossen ist. Aber es ist eine Alterna­tivstrategie psychiatri­scher Ver­sorgung in der Welt. Jedenfalls wird Psych­iatrie so "verdünnt" und damit menschlicher gemacht.